Unser Fach

Argumente für das kleine Fach der großen Fragen

Soll unser Kind am Religionsunterricht teilnehmen? Für Eltern ist dies immer seltener eine Frage der Konvention und immer häufiger eine Frage der bewussten Entscheidung. Sie ist Ausdruck des Grundrechts auf religiöse Freiheit (Art. 4 Grundgesetz). Vielerorts in Deutschland wird deshalb um den Religionsunterricht (RU) bzw. um die richtige Ausgestaltung eines sinnorientierenden und wertebezogenen Unterrichts gestritten. Diese Diskussion wird immer mehr von den Fachlehrkräften an den Schulen selbst geführt werden müssen. Um die Lehrkräfte auf diese Diskussion vorzubereiten, haben wir im folgenden einige grundsätzliche Argumente dafür zusammengetragen.

Religionsunterricht gehört zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule.
Der RU ist wie alle anderen Fächer auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule zu beziehen. Im Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule werden Werte genannt, an denen Unterricht und Erziehung in allen Fächern auszurichten sind: z.B. Achtung, Toleranz, Eintreten für das Lebensrecht aller Menschen u.a.

Im Religionsunterrichts geht es nicht um die Vermittlung von Glauben. Der Glaube ist sein Ausgangspunkt und Gegenstand.
Der Religionsunterricht möchte Kinder und Jugendliche unterstützen und begleiten, durch Sachkenntnis und authentische Begegnung mit der christlichen Tradition im Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen selbst herauszufinden, wer sie sein und was sie glauben wollen. Die Erschließungen von Religion im Religionsunterricht kann dabei um der “Sache” willen auf die Binnenperspektive nicht verzichten und darf zugleich die Grenze zur Einübung von Religion an der Schule nicht überschreiten.

In Religion geht es ums Ganze: Wo ist mein Platz in dieser Welt?
Der Religionsunterricht ist dazu da, Heranwachsende bei der Frage Gut und Böse, Glück und Leid, Welt und Gott nicht alleinzulassen. Sie brauchen Zeit und Raum der Orientierung und Selbstvergewisserung. Im christlichen Verständnis schließt die Frage nach Gott und seinem Willen die Frage ein, wo und wer Gott nicht ist und was und wer seinem Willen nicht entspricht, seien es ideologische oder materielle Erlösungsverheißungen.

Religionsunterricht bedeutet Alphabetisierung in der Sprache der Religion.
Kinder und Jugendliche erlernen verschiedene Wege, sich das Leben und die Welt zu erschließen. Religion hat ihr eigentümliche Sprachformen der Welt- und Lebensdeutung hervorgebracht, die versprechen, mit dieser Welt anders umzugehen, damit Staunen und Dank, Freude und Klage nicht im Halse stecken bleiben Die Kraft religiöser Sprache des Trostes, der Widerständigkeit und der Hoffnung erweist sich gerade dort, wo die Sprache des Arguments und der Logik verstummen.

Religionsunterricht ist auszugestalten in der Bindung an die in der Gesellschaft vorhandenen Religionsgemeinschaften.
Die Vielfalt in der religiösen Bildung ist ein Zeichen der Vielfältigkeit der persönlichen religiösen Bindungen. Der Religionsunterricht bietet die Möglichkeit zur kontinuierlichen Begegnung mit authentischen Vertreterinnen und Vertretern von Religionen. Im christlichen Religionsunterricht ist die Lehrerin/der Lehrer stets auch als Vertreter/in einer Religion anwesend, die als Kirche einen real vorhandenen Ort in der Gesellschaft hat. Das macht konkrete Auseinandersetzung mit gelebten Werten und gelebter Weltanschauung möglich und trägt so zur Öffnung von Schule bei.

Religionsunterricht vermittelt wichtige Kompetenzen
Der RU nimmt im Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler die Frage nach dem Sinn des Lebens auf, thematisiert Beispiele gelebter und überlieferter Religion, stärkt wichtige lebensgeschichtliche Grundlagen und vermittelt kulturelle, ethische und religiöse Kompetenzen.

Zukunft braucht Herkunft. Ohne Kenntnis und Erinnerung des jüdisch-christlichen Erbes unserer Geschichte bleiben jungen Menschen ihre eigene Lebenswelt und eine Quelle der Hoffnung fremd.
Religiöse Traditionen in den konfessionellen Ausprägungen des Christentums haben unsere Geschichte und Kultur nachhaltig geprägt. Sie holen die Gegenwart ein und wirken fort in unseren Vorstellungen von Individuum und Gemeinschaft, Frau und Mann, Zeit und Entwicklung, beeinflussen Moral und Recht, Sprache, Literatur, Kunst und Musik. Die Kenntnis und kritische Auseinandersetzung mit dem religiös-geschichtlichen Erbe ist ein unabdingbarer Bestandteil schulischer Bildung.

Religionsfreiheit im Vorzeichen religiöser Pluralität und einer säkularen Kultur verlangt Religionskompetenz. Wer Kinder und Jugendliche bei ihrer Suche nach religiöser Orientierung allein lässt, handelt pädagogisch fahrlässig.
Religionsunterricht schließt die Kenntnis, Begegnung und unterscheidende Auseinandersetzung mit kulturstiftenden religiösen Traditionen und Anschauungen sowie die Befähigung zur Religionskritik ein. Schule und Eltern werden bei Bewältigung dieser Aufgabe nur um den Preis von Kompetenz- und Qualitätsverlust auf den “Religionsunterricht in religiöser Pluralität” (Denkschrift) verzichten können.

Der Religionsunterricht leistet einen Beitrag zur Identitätsentwicklung, da er jungen Menschen hilft, sich in der Welt unabhängig von herrschenden Denkmustern und Sprachspielen zu orientieren und zu verständigen.
Dies geschieht, indem Schülerinnen und Schülern gezielte Angebote zur Interpretation ihres Lebens gemacht werden. Der Religionsunterricht hilft Schülerinnen und Schülern, eine eigene Position und Überzeugung in einer multikulturellen Gesellschaft zu finden.

Der fruchtbare Unterschied zwischen Religionsunterricht, Ethik und Philosophie liegt nicht in gemeinsamen und verwandten Fragen, sondern in den Begründungen ihrer Antworten.
Religions- und Ethikunterricht haben ein je eigenständiges Fundament: Zunächst erfasst Religion nicht einen Teilbereich des Lebens allein, sondern macht Leben und Welt in ihrer Gänze ‘frag-würdig’. Für philosophische Weltanschauung und Ethik ist die “ratio”, die vernunftgeleitete Erkenntnis, die höchstrichterliche Instanz. Die letzte Autorität der Religion ist die Gotteserfahrung, für Christen gilt – unbeschadet gewissenhafter vernünftiger Prüfung – letztlich: “Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen” (Apg 5,29).

Im Sinne der Schulentwicklung hat der Religionsunterricht eine besondere Bedeutung.
Die im Bildungsauftrag der deutschen Schulen verankerten Kompetenzen, wie Nächstenliebe, Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben mit anderen Menschen und Auseinandersetzung mit Weltanschauungen können ohne religiöse Schwerpunktsetzung nicht erreicht werden. Dies ist der besonderen Situation in Ostdeutschland geschuldet, da hier die meisten Menschen von religiösen Fragestellungen entfremdet wurden.

Religionsunterricht am Gymnasium – sechs Thesen (von Andreas Wronka)

Es kommt ein Schiff geladen… (Beitrag zur Podiumsdikussion in Rastatt am 4.12.2009 von A. Wronka)