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Roma locuta, causa aperta!?

Wieder einmal erreicht die gebeutelte katholische Kirche in Deutschland ein Machtwort aus Rom: Eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare könne es nach göttlichem Willen nicht geben, so die Glaubenskongregation am 15.3.
Roma locuta, causa finita?! Im Gegenteil.

Eine Stellungnahme des VKRF:

Wer noch in der katholischen Kirche engagiert ist – täglich schrumpft die Zahl gutwilliger, engagierter Katholikinnen und Katholiken –, wird sich solch eine Abfertigung nicht mehr gefallen lassen. Auch im Kreise unserer Kolleginnen und Kollegen hat diese Nachricht hohe Wellen geschlagen. Als Beispiel für unsere Situation als Religionslehrerinnen und  -lehrer sei folgende Äußerung eines Kollegen genannt:

„Wochenlang mit der Abschlussklasse versucht, die wenigen biblischen Belegstellen für die Homophobie in meiner Kirche einzusortieren, die Unzulänglichkeiten der römischen Argumente zu erarbeiten und die vorsichtigen Aufbrüche einiger Seelsorgerinnen und Seelsorger hierzulande zu würdigen. Und dann kommt die CongrDoc und reißt das mit dem Hintern voran wieder ein. Für „Alles anzünden!“ bin ich nicht der richtige Typ, aber die Stimmung kocht die Tage bei mir schon hoch. Wann hört diese Kirche endlich auf, zu verletzen und zu glauben, den Willen G*ttes schwarz auf weiß aus dem Regal ziehen zu können?“

Diese deutliche Ansage bringt die Stimmung vieler Kolleginnen und Kollegen im katholischen Religionsunterricht auf den Punkt.

Wir – der Verband katholischer Religionslehrerinnen und -lehrer in der Erzdiözese Freiburg, VKRF – widersprechen entschieden den Argumenten der Glaubenskongregation in dieser Sache! Wir fragen uns, ob die Erkenntnisse der Exegese zum Thema Homosexualität und deren Bewertung in einzelnen biblischen Schriften von der Glaubenskongregation zur Kenntnis genommen worden sind? Die Art und Weise, wie hier mit biblischer Literatur umgegangen wird, ist für uns mehr als fragwürdig und befremdend.

Angesichts der radikalen gesellschaftlichen Veränderungen und Abbrüche hinsichtlich Kirchenzugehörigkeit und kirchlich/religiöser Traditionen, wie auch eines massiven Vertrauensverlustes, ist in Deutschland und auch in der Weltkirche die Notwendigkeit erkannt worden, Dinge des kirchlichen Lebens, Positionen in Fragen der Moral und kirchliche Vorschriften und Gesetze zu überdenken und zu diskutieren. Zu nennen sind hier nur die Amazonas-Synode und der derzeitige synodale Weg.

Diese synodalen Aufbrüche vor Augen, aber vor allem, weil es so nicht mehr weitergehen kann, ist der bloße Rekurs auf einen vermeintlich direkt greifbaren göttlichen Willen und die Tradition einfach nicht mehr zeitgemäß und vor allem theologisch und exegetisch fragwürdig. Es ist hermeneutisch und exegetisch äußerst problematisch, wenn die Glaubenskongregation in ihrer Argumentation gegen die Segnung homosexueller Paare meint, die Pläne Gottes für seine Schöpfung in dieser Sache genau zu kennen. Dass die verweigerte Segnung aus der Sicht der Glaubenskongregation für gleichgeschlechtliche Paare keine Diskriminierung darstelle, können die Betroffenen nur als Hohn verstehen.

Wenn jetzt auch Bischöfe wie Franz-Josef Overbeck fordern, dass es eine „ernsthafte und zutiefst wertschätzende Hinwendung der Kirche zu Schwulen und Lesben“ geben muss und eben nicht darum, „fundamentalistischen Versuchungen“ zu erliegen, dann zeigt das aus unserer Sicht, dass hier eine echte Debatte dringend notwendig ist. Overbeck fordert weiter, die Zeichen der Zeit ernst zu nehmen.

Wir Religionslehrerinnen und -lehrer in der Erzdiözese Freiburg stehen täglich in der Auseinandersetzung bei solchen Themen unseren Schülerinnen und Schülern gegenüber und bemühen uns redlich, die biblische und kirchliche Tradition verständlich zu machen und auf die heutige Lebenspraxis anzuwenden, so dass etwas von der Freude und vom Mehrwert des Evangeliums und der gesamten biblischen Botschaft der Befreiung sichtbar wird. Was gerade wieder von ganz oben kam, ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich für eine zeitgemäße und überzeugende Weitergabe und Reflexion unseres Glaubens einsetzen.

Wir fordern deshalb in Sachen Homosexualität beziehungsweise in Sachen Sexualität insgesamt Schritte zu einer Neubewertung, gerade im Hinblick auf die moralischen und seelsorgerlichen, liturgischen und praktischen Fragen. Dies kann nur auf der Höhe der Zeit und mit Blick auf die Erkenntnisse der modernen Theologie und Exegese geschehen. Die Gnade setzt die Natur voraus, so Thomas von Aquin. Wenn heutzutage biologisch klar ist, dass Homosexualität als normale Form von Sexualität in der Natur des Menschen vorkommt, dann ist in dieser Form von Natur auch Gnade möglich.

Roma locuta, causa aperta!

Für den VKRF, Freiburg, 24.03.2021

Christiane Schababerle-Wagner (Vorsitzende des VKRF)
Michael Längle (Stellvertretender Vorsitzender des VKRF)